Friday, August 19, 2011

"Geschichte des Dragoljub Milanovic"

peter-handke-zurueck-in-serbien


Peter Handke zurück in Serbien

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 19.08.2011 - 02:30
Und schon wieder schreibt Peter Handke über Serbien! Dabei ist der Ausruf nicht der Wiederholung geschuldet, sondern Ausdruck einer Sorge, der österreichische Dichter könnte abermals Partei für Serbiens Kriegsverbrecher ergreifen. Doch seine "Geschichte des Dragoljub Milanovic" (Jung und Jung, 40 Seiten, neun Euro) ist der Rettungsversuch für einen Einzelnen: für den früheren Direktor des staatlichen Radiosenders RTS, der, nachdem die Nato das Gebäude am 23. April 1999 bombardiert hatte, noch von der serbischen Regierung für den Tod von 16 Angestellten verantwortlich gemacht wurde. Milanovic habe das Haus nicht evakuieren lassen, so die Anklage.
Seither sitzt er in Haft. Handke besucht ihn dort zweimal, spricht mit ihm, will wissen, was geschah. Dabei begegnet der Dichter einem Melancholiker und Lyriker, und man hat den Eindruck, als begegne der am serbischen Schicksal Leidende im Gefängnis seinem Spiegelbild. Aber Handke sieht auch, dass der Sender ein Symbol des Staates war, Propaganda lieferte. Auch RTS stellte das serbische Volk "als ein ganz besonderes, einmaliges, unvergleichliches, nach all den Bombennächten den Tag feierndes" dar. Ist das nun eine Verteidigungsschrift für Milanovic, ein Klageruf, eine Momentaufnahme aus Serbiens Nachkriegsgegenwart? Vor allem ist es ein weiteres Mosaik zu Handkes großem und vielleicht einzigem Lebensthema. Diesmal dient er Serbien mit seinen Worten: Unglaublich die Beschreibung der Birke gleich neben dem bombardierten Rundfunkhaus, mit all den Tonbändern, die "als spezielle Girlanden in einem fort hin und her schwingen".

also see: 
http://goaliesanxiety.blogspot.com/ for a Scott Abbott
review of the little book.
Quelle: RP

Saturday, August 13, 2011

DIE URAUFFÜHRUNG SEINES NEUEN STÜCKS

DIE URAUFFÜHRUNG SEINES NEUEN STÜCKS



Eine Diskussion ueber IMMER NOCH STURM gibt es ab Mittwoch den 17 August bei  

Inwiefern dieses Stueck Einblicke in Handke's Familie erlaubt ist zu bezweifeln da es sich um eine dichterisch fantasierte Familie in dem Stueck handelt. Da ist ungeheurlich viel ausgelassen, verdreht und neu reingeschriben. Dieses wahrlich 75% wirklich grosse Stueck erlaubt grosse Einsicht in die DICHTERISCHE PHANTSIE von Peter Handke. >







PETER HANDKE HEUTE IN SALZBURG: DIE URAUFFÜHRUNG SEINES NEUEN STÜCKS

Salzburg_Berglau
So tief und bei aller dichterischen Kunst direkt und unverstellt in seine Autobiografie blicken, ließ der Schriftsteller Peter Handke selten. Sein Stück „Immer noch Sturm“, das heute Abend bei denSalzburer Festspielen auf der Perner-Insel in Hallein seine Uraufführung feiert, liefert einen Blick zurück in die Geschichte seiner Familie.
In der treten wie aus einem alten Familienfoto heraus Großeltern, Tanten, Onkel, seine Mutter auf, Handkes ganze slowenisch und deutsch gemischte Familie. Der Partisanenkampf und der Kärntner Widerstand gegen die Nazis im zweiten Weltkrieg und seine tragischen Auswirkungen auf die Familie spielen eine Rolle. So verdichten sich einzelne Schicksale zu - oft verdrängten - kollektiven Erfahrungen. Unter der Regie von Dimiter Gottscheff sind so großartige Schauspieler wie Jens Harzer, Oda Thormeyer und Bibiana Beglau mit dabei. Weitere Vorstellungen am 17., 18., 23., 24., 26. und 27. August.


Handke wird bei Uraufführung mit Applaus überschüttet

Regisseur Gotscheffs Inszenierung von „Immer noch Sturm" beklemmend und heiter zugleich
Peter Handkes "Immer noch Sturm"
Foto: dpa
Millions of Tickets to Top Events. Which One's Yours? Buy Today & Save
HALLEIN. Ein Lächeln huscht Schriftsteller Peter Handke übers Gesicht, als er die Bühne betritt. Der tosende Applaus von 800 Theaterbesuchern der Salzburger Festspiele nach der Uraufführung seines Stücks „Immer noch Sturm“ am Freitag gilt vor allem ihm. Der Autor, der bei Paris lebt, wird von den acht Schauspielern, darunter Bibiana Beglau und Jens Harzer, und dem bulgarischen Regisseur Dimiter Gotscheff, umringt. Dessen mehr als vier Stunden lange Inszenierung wurde auf der Perner-Insel in Hallein mit großer Begeisterung aufgenommen.
Eine Familie mit slowenischen Wurzeln ist unter einem Apfelbaum im Jaunfeld versammelt, unweit ihres Hofguts in der Kärntner Gegend in Österreich. Das Elternpaar und seine fünf Kinder bringen sieben unterschiedliche Blickwinkel auf das gemeinsame Leben mit. Sie erinnern sich an die 1930er und 1940er Jahre – freudig und verbittert zugleich.
Es ist ein Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, denn ein Nachfahre – das „Ich“ – lässt die Figuren, seine Ahnen, sprechen. Mal klinkt er sich in die Dialoge ein, mal zieht er sich auf eine erzählerische Ebene zurück und bleibt auch räumlich abseits der Gruppe. Seine Träume und Erinnerungen rollen ein Familiendrama vor dem Hintergrund der Partisanenkämpfe der Kärntner Slowenen gegen die Nationalsozialisten auf.
Da sind etwa die Geschwister, wie Außenseiterin Ursula und Frauenheld Valentin sowie der Vater, der das Wort Liebe in seinem Haus nicht hören will. Alltagsprobleme wie Essen, Stallarbeit und die Suche nach der eigenen Rolle innerhalb der Familie mischen sich mit dem Kampf um kulturelle Identität als slowenische Minderheit.
Gotscheff schafft viele beeindruckend beklemmende Situationen. Etwa in der Figur der Ursula, „für die im Haus kein Platz ist“, wie sie sich selbst beschreibt. „Im Krieg werde ich endlich einen Platz finden“, hofft sie und wird später Widerstandskämpferin.
Oder in der Mutter des „Ichs“, die eine Beziehung mit einem der nationalsozialistischen Besatzer eingeht und damit ihre eigene Kultur verleugnet. Der Regisseur löst diese Momente oft mit heiteren Szenen auf und schafft Freiräume: Akkordeon und Percussion lassen unter anderem mit slowenischen Volksliedern die Figuren sorgenfrei tanzen.
Handkes Stück ist textgewaltig – das unterstreicht auch Gotscheff mit seiner Inszenierung. Das Bühnenbild von Katrin Brack ist schlicht, es fungiert vielmehr als Projektionsebene: Requisiten werden spärlich verwendet, Blickpunkt auf der leeren, schwarzen Bühnenfläche sind grüne Blätter aus Flitter, die ununterbrochen von der Decke fallen. Im Vordergrund stehen die Gedankenwelten der Figuren. Vor allem Jens Harzer in der Rolle des „Ich“ bietet minutenlange Monologe akzentuiert und facettenreiche dar.
Das Ende bleibt verstörend. Auch nach dem Krieg und dem Sieg über die nationalsozialistische Unterdrückung gebe es „Immer noch Sturm“, resümiert das „Ich“. „Gütige Menschen – wie ich mich danach sehne.“
Zwtl.: Uraufführung zunächst in Wien geplant
Auf die Uraufführung mussten die Theaterbesucher länger warten, als zunächst geplant. Bereits im Februar sollte Regisseur Claus Peymann „Immer noch Sturm“ am Wiener Burgtheater inszenieren – doch die Zusammenarbeit zwischen Handke und dem Intendanten des Berliner Ensembles wurde abgebrochen. Peymann hatte zuvor bereits mehrere Werke von Handke auf die Theaterbühnen gebracht.
Die jetzige Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg wird außerdem am 17., 18., 23., 24., 26. sowie am 27. August bei den Salzburger Festspielen zu sehen sein. In Hamburg ist die Premiere am 17. September geplant.



Peter Handkes Einsatz für den Serben Dragoljub Milanović


http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/685344/Einer-der-zur-Hand-war?_vl_backlink=/home/spectrum/index.do


Einer, der zur Hand war

12.08.2011 | 18:21 |  Von Julia Kospach (Die Presse)
Peter Handkes Einsatz für den Serben Dragoljub Milanović.
 
Es ist hier eine Geschichte zu erzählen“, lautet Peter Handkes erster Satz. Sofort weiß man: Es geht nicht um das Vergnügen des Geschichtenerzählens, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, nein: erzählt werden muss und den Lesern nicht erspart werden kann. Die Angelegenheit ist dringlich. Ein „J'accuse“ schwingt schon in diesem ersten Satz unüberhörbar mit.

„Die Geschichte des Dragoljub Milanović“, ein kaum 40 Seiten langer Text, ist eine Fortsetzung von Handkes schon seit Mitte der 1990er-Jahre andauerndem, von vielen bitter kritisierten, so oft schwer nachvollziehbaren Einsatz um Gerechtigkeit für Serbien. Diesmal tritt Handke für einen einzelnen Serben ein, berichtet von einem Mann, der in Serbien die Rolle des Sündenbocks übernehmen musste, weil kein internationaler Gerichtshof, keine Politik, keine Staatengemeinschaft sich für zuständig erklärte. Die eigentlich Verantwortlichen für 16 zivile Todesopfer waren nicht greifbar, sind es bis heute nicht. Doch Recht musste gesprochen werden, der Trauer um die Gestorbenen wegen, „also musste doch einer schuldig sein, und zwar einer, der, wie man sagt, zur Hand war“, Peter Handkes Einsatz für den Serben Dragoljub Milanovićschreibt Handke.
Zur Hand war Dragoljub Milanović, der ehemalige Direktor des serbischen Radios und Fernsehens. Er sitzt, verurteilt von einem serbischen Gericht, seit neun Jahren im Gefängnis. Häftling seines eigenen Landes wegen des gezielten Bombenangriffs der Nato in der Nacht des 23. April 1999 auf den Sitz der serbischen TV-Anstalt im Zentrum Belgrads, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, alle von ihnen Mitarbeiter des Dragoljub Milanović. Um zwei Uhr vier fielen die Bomben, eine halbe Stunde zuvor hatte Milanović den Sender verlassen, um nach Hause zu gehen.

Ein fahrlässiges Versäumnis?

Er hätte, hieß es vor Gericht, vier Wochen nach Beginn der Nato-Bombardements ein solches Geschehen einkalkulieren und seine Mitarbeiter rechtzeitig evakuieren müssen. Für den Schuldspruch genügte dem Gericht die Anweisung einer übergeordneten Dienststelle, den Sender mitsamt allen Angestellten aus der Hauptstadt auszulagern. Eine Anweisung, soformuliert, dass es Milanović freistand, ihr nachzukommen oder nicht. Für das Gericht ein fahrlässiges Versäumnis.
Handke stand vor den Trümmern des Sendergebäudes, er hat zehn Jahre später Milanović zweimal im Gefängnis besucht und einen stillen, kindlichen Mann gefunden, er hat die Gerichtsprotokolle gelesen. Es ist das augenfällige und inzwischen vor allem auch außerhalb Serbiens gut dokumentierte Unrecht gegenüber einem Einzelnen, das Handke in Worte fasst. Gegen Achtlosigkeit und Willkür setzt er Fakten und seine eigenen Eindrücke. Wie zufällig wirkt es, dass sein – teilweise im „Spectrum“ publizierter – Text zwischen Buchdeckeln gelandet ist. Dragoljub Milanović – „immer wieder sei dieser Name erwähnt, damit er sich einpräge über die Aktualitäten hinaus“ – soll erinnert werden, seine Geschichte wieder und wieder und wieder erzählt, „selbst wenn ich sie einem Baumstrunk erzählen müsste, oder einem Einbaum, oder einem verrosteten Schienenstrang“. ■
("Die Presse", Print-A

Friday, August 12, 2011

HANDKE WIEDER PHOTOGRAPHIERT...


Zuletzt aktualisiert: 12.08.2011 um 09:14 Uhr1 Kommentar

Neues Handke-Fotobuch zeigt Dinge statt Dichter

Foto © APA
Starke Woche für Peter Handke in Salzburg: Am Mittwoch wurde eine Ausstellung der Universität Salzburg über seine Salzburger Jahre (1979 bis 1987) eröffnet, am Freitag hat sein Stück "Immer noch Sturm" Uraufführung, und am Samstag wird auf dem Mönchsberg ein Fotobuch präsentiert. Der Titel des Bandes von Lillian Birnbaum: "Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit".
Fotografiert zu werden sei stets qualvoll für Handke, schreibt die in New York geborene, in Wien aufgewachsene und in Paris lebende Fotografin in ihrer Vorbemerkung. "Während des Fotografierens dachte ich oft: es wäre doch sinnvoller, ein Bild seines Gartens zu zeigen, oder der Federn auf dem Küchentisch..." So hat sie während ihrer meist sonntäglichen Besuche in Handkes Domizil im Pariser Vorort Chaville 1994 bis 2008 auch immer wieder Details aus Haus und Garten fotografiert, ganz offenbar vom Autor liebevoll zusammengetragene Arrangements von Artefakten und Naturprodukten, "Installationen, die geheimnisvoll und zugleich anziehend schön sind".
Nüsse, Pilze, Eicheln, Kastanien und Äpfel bilden malerische Nature morte-Gruppen, als käme jeden Augenblick ein Künstler mit seiner Staffelei vorbei. Federn und Bleistifte gibt es zuhauf, kaum Blumen, dafür viele Bücher - erstaunlicher Weise die meisten von Handke selbst, in deutscher, italienischer, spanischer oder auch russischer Sprache. Eine arabische Zeitung gibt Rätsel auf, eine Schaukel, ein Ball oder ein Dreirad deuten an, dass in diesem verwunschenen, märchenhaften Ambiente, in dem die Zeit stillzustehen scheint, mitunter auch Kinder zu Besuch sind bzw. waren.
Immer wieder finden sich gestapelte oder scheinbar absichtslos aufgeschlagene Manuskriptblätter. Ganz normale Spuren alltäglichen Lebens sucht man vergebens, und unwillkürlich erinnert dieses Museum zu Lebzeiten, in dem nichts zufällig scheint, an das seltsame Bauernhaus, das Thomas Bernhard in Ohlsdorf hinterlassen hat.
Quelle: APA

Saturday, July 23, 2011

Die Welt, die in den Worten liegt" Oberender ueber Handke

http://derstandard.at/1310511918668/Die-Welt-die-in-den-Worten-liegt



Am Anfang Bernhard, am Ende Handke: Thomas Oberender, Schauspielchef der Salzburger Festspiele, im Gespräch - Ein Buch-Vorabdruck

Oberender: Ist wahrscheinlich das Gegenteil. Niemand will sein Leben haben, heißt es in Bernhards Erzählung "Gehen". Handke will das Leben haben. Sein Leben. Und schenkt es seiner Mutter zurück, die darum betrogen wurde, in seinem Roman "Wunschloses Unglück", oder seiner slowenisch-kärntnerischen Familie, die er nicht in Ruhe lässt, bis er ihr Leben gegeben hat, ein Leben, das für den toten Bruder der Mutter, der im Krieg gefallen ist, nicht mehr stattfinden konnte. Er war derjenige, der in der Familie als Einziger zuvor ein Buch geschrieben hatte, über Apfelzucht, ein Mitschriftenbuch aus der Landwirtschaftsschule. Dieses Buch hängt in einem Zimmerwinkel von Handkes Haus. Handkes Literatur hat viel damit zu tun. Die Wiederholung ist eine Reise zu diesem Gregor, dem toten Onkel, der sein Bruder wurde, ihm sein Land zeigte, das immer auch Züge eines Traums besitzt. Diese private Mythologie, die Handke im Laufe der Jahrzehnte entwickelt hat, ist der Versuch, sich sein Leben nicht nehmen zu lassen. Mehr oder weniger leben alle seine Figuren wie er als Dichter. Er versetzt sich nicht wie Bernhard in eine bürgerliche Welt, um ihr die Masken vom Gesicht zu nehmen, sondern es ist sein Leben, das er haben will, seines. Peter Handke ist als Künstler einen wirklich weiten, erfindungsreichen Weg gegangen. Die Wandlungen zwischen dem frühen, mittleren und späten Handke sind viel entwicklungsreicher als etwa bei Bernhard.
Oberender: Ja, es gibt, wie bei Bernhard, Großväter, aber eigentlich läuft in seinen Büchern jemand vaterlos durch die Welt und versucht, es selbst zu schaffen. Man wird ja nicht Vater, nur indem man ein Kind bekommt. Man muss im Besitz von etwas anderem sein. Das Poetische ist für Handke nicht das Nebulöse, wie er sagt, sondern sein Gegenteil: das Verbindende - der Anstoß zum gemeinsamen Erinnern. In seinem Roman Der große Fall gibt es den vielleicht schönsten Brief, den je ein Vater an seinen Sohn geschrieben hat. Handke ist sicher ein komplizierter Vater, aber er ist einer. Das war Kafka nicht. Die Lebenssituationen beider könnten nicht unterschiedlicher sein: der Versicherungsangestellte Kafka und der hochbegabte Goethe unserer Zeit. Er ist im jugendlichen Alter zu Ufern aufgebrochen, an die niemand so einfach hinterherschwimmt. Kafka war ein ähnlicher Erfinder, einer, der auch kühl blieb und das Märchenhafte in den Fakten sah. Lucie im Wald mit dem Dingsda - das ist als Märchen nah an Kafka, und zugleich ist es völlig heiter.
Oberender: Im Sinne einer Jahrhundertbegabung und immensen Produktivität. Mir erscheint diese Form von universeller Neugier, die das Schaffen von Handke prägt, vorbildlich. Auch als Siebzigjähriger verkörpert er ein Ideal an Jugendlichkeit. Er ist ein wissensfroher, ein lesender und lernender Dichter. Wenn Sie Der Chinese des Schmerzes betrachten, ein Buch, das in Salzburg entstand, werden Sie entdecken, wie konkret es ist. Er hat die Geschichte der Stadt studiert, ihre Morphologie in jeder Hinsicht, die Geschichte der Gesteine, aus und auf denen ihre Häuser errichtet wurden. Handke ist enorm fleißig, nicht im Sinne von beflissen, sondern im Sinne der Sorgfalt. Dieses Pensum des Studiums, das sich beiläufig im Erzählen äußert - das ist das Gegenteil des Nebulösen, das man mit dem Dichter gerne verbindet. Handke ist sehr genau. Und er war Pop, was Goethe durch seinen Werther wurde, und wenn Sie so wollen, hatte auch er seine Italienreise, die ihn, nach Jahren der Schreibhemmung, in die Welt führte und als Künstler neu geboren hat.
Oberender: Ich geniere mich unendlich, wenn Sie mich über Handke ausfragen. Ich bin da ein unseriöser Leser. Ich zähle mich nicht zur "Familie", die mit ihm groß geworden ist und seinen Weg geht, mir fehlen viele Etappen. Wenn ich ein Stück lese wie Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts, dann spüre ich eine Wiederbegegnung des späten Handke mit dem jungen. Es ist ein Selbstporträt, gespiegelt in dem großen Monolog einer Frau, die um ihre Liebe zu ihm ringt. Es ist der Versuch zu beschreiben, was er an sich selbst lieben kann. Sie müssen als Autor damit leben, was Sie geschrieben haben. Es ist bezahlt mit einer Art von Verrat. Der späte Handke schaut auf diesen jugendlichen Spieler, der die Welt als Zeichen liest, ihr Spiel inszeniert, die Diskurse bloßlegt, die Regeln angreift, und stellt ihm die weibliche Empfindung des Augenblicks entgegen. Es ist eine Form von Abbitte. Sie beschreibt seine Lebensstrenge, Unerreichbarkeit, seine Tödlichkeit für ihr eigenes oder das Leben um ihn herum, und der Abend, den er ihr geschrieben hat, ist ein Strom der wahren Empfindung, eine Bitte um Verzeihung für die Kosten des Projekts. Und: Sie gewährt sie. Sie spürt das Lebenswahre darin. Sie hält es aus, er kann nicht anders, darin ist er wahr. Das verbindet sie, es ist sein Leben an ihrer missachteten, aber auch gefeierten, unerreichten Seite.
Oberender: Schon. Hier zeigt sich der späte Handke. Als eine Geste der Abstoßung von sich selbst. Wenn Sie sich die frühen Stücke von ihm anschauen, einen Paukenschlag wie Publikumsbeschimpfung, aber auch die Serie der Sprechstücke, Handke war vierundzwanzig, dann wird klar, aus welcher Kälte und Lust heraus dieser junge Mann irrsinnige, im Grunde handlungslose Formen schuf: Er dramatisiert die Welt der Worte, weil sie selbst eine Welt sind. Insofern hat er sich überhaupt nicht entwickelt - alles war da, sofort. Es gibt ein vom jungen bis zum alten Handke hindurch wirkendes Motiv der Auserwähltheit, dessen sich der Auserwählte sicher ist. Das hat man oder hat man nicht. Es gibt auch Phasen seines Lebens, da dieses Gefühl ihn verlässt, Jahre des Verstummtseins, der Panik. Aber Handke hat sehr früh eine zweifellose Bestimmtheit seines Daseins empfunden. Es geht in diesen Texten, wie Handke sagt, um die Welt, die in den Worten liegt. Er greift ihren gestisch-theatralischen Charakter auf - die Form der Beschimpfung, des Hilferufs oder der Weissagung. Sie handeln von nichts, sie wollen, sagt er, keine Revolution, sondern aufmerksam machen. Handke hat, glaube ich, mit sechsundzwanzig den Büchner-Preis erhalten und hatte an die zwanzig Bücher veröffentlicht. Er dankte der Jury für den Preis "und Büchner für mehr". Sehen Sie seine Raffinesse? Wer sind wir, wenn wir über ihn reden? Alte Leute.
Oberender: In "Wunschloses Unglüc"k zeigt Handke jenes private Handicap als gesellschaftliches, als das Unglück unseres In-eine-bestimmte-Welt-eingeborenSeins. Es ist ein Roman über seine Mutter. Er selbst erscheint als Folie, die über dieser Geschichte liegt und durch die wir, mit ihren Kratzern und Knicken, auf das Leben dieser Frau schauen. So wie Handke als Autor lebt, als Wanderer, als Reisender, als Lesender, als Sympathisant von vielen Dingen, die man nicht programmieren, sondern als Daseinsform nehmen muss, ist das nur einnehmend. Gemessen an dieser radikalen Sicht auf das, was im Leben wohl lebenswert ist, vergeuden wir anderen zu viel Zeit. Handke dient nie, niemandem. Was nicht stimmt - dem Dasein schon. Er nimmt ein hohes Maß an Einsamkeit in Kauf, um diese Freiheit leben zu können. Freiheit von dem üblichen Verständnis von Familie, von Heimat, wahrscheinlich sogar Freundschaft, obgleich er treu ist und generös sein kann. Jede Beziehung in seinem Leben verwandelt er in ein Element dieses Projekts. Aus diesem Überdasein rührt seine einzigartige Fähigkeit zur Beobachtung, Notation, Hingabe und Selbstauflösung ins Medium der Sprache selbst.
Oberender: Dafür nicht, nein. Zu Beginn meiner Arbeit in Salzburg las ich sein Stück Spuren der Verirrten - ich empfand es als eine Art Salzburger Welttheater. Aber Handke sagte mir klar, dass es lebensgeschichtlich eine Beziehung zu Claus Peymann gibt, dass die Uraufführung bei ihm liegt. Mit Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts hatte es eine andere Geschichte auf sich: Ich hatte Handke in seinem Haus in Chaville besucht. Wir kamen ins Gespräch über Beckett, und nach meiner Rückkehr nach Salzburg schickte ich ihm einen Essay, den ich über Beckett geschrieben hatte. Er sandte mir dieses Stück in seiner ersten Fassung und fragte mich, ob ich daran interessiert sei. Ein Jahr später haben wir das Stück dann bei den Festspielen im Landestheater zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)
.

Saturday, July 9, 2011

THE HANDKE-HERMANN LENZ CORRESPONDENCE

http://tinyurl.com/6xfcmyp


http://www.lesestoff.ch/detail/ISBN-9783458173359?CSPCHD=0020000100004iyg5ddw000000GtQ3KhUGEjOTMqwx0l9ZBQ--Handke, Peter; Lenz, Hermann; Böttiger, Helmut (Hrsg.); Rüdenauer, Ulrich (Hrsg.); Brombach, Charlotte (Hrsg.) 
Berichterstatter des Tages
Berichterstatter des Tages
Berichterstatter des TagesDer 31jährige Peter Handke, der mit seinen Theaterstücken und den Erzählungen Die Angst des Tormanns beim Elfmeter und Wunschloses Unglück für großes Aufsehen gesorgt hat, veröffentlicht 1973 in der Süddeutschen Zeitung eine "Einladung, Hermann Lenz zu lesen" und empfiehlt die Bücher des fast 30 Jahre älteren Autors überschwenglich zur Lektüre: Er empfinde beim Lesen der Lenzschen Bücher Glück. So unterschiedlich die beiden Schriftsteller in Naturell, Schreibvorstellungen und Selbstverständnis sein mögen, ihr sich daraus entspinnender Briefwechsel offenbart eine unverbrüchliche Verbindung von Schreibtisch zu Schreibtisch. Als Lesende können wir teilhaben am Entstehungsprozeß ihrer Bücher Lenz arbeitet an seinen autobiographischen Eugen-Rapp-Romanen, Handke tritt fast jedes Jahr mit einem neuen Buch hervor und an ihren Lebensumständen, ihrem Alltag. Sie teilen die Schwierigkeiten, die sie mit den "Wirklichkeitsmenschen" haben, und die Liebe zum Gehen im Freien, zu Landschaften, zur Natur. Im Mai 1981 schreibt Handke: "Hier ist ein wunderbarer Tag, und ich saß bis jetzt fast nur draußen und versuchte, sein Berichterstatter zu sein." In Hermann Lenz hat er einen Vertrauten gefunden.
Berichterstatter des Tages: ein intensiver, poetischer und 25 Jahre bis zu Hermann Lenz Tod anhaltender Briefwechsel das Dokument einer Freundschaft. In knapp 300 Briefen tauschen die beiden geistesverwandten "Nebendraußensteher " in herzlichem, heiterem Tonfall ihre Beobachtungen zu Schreiben und Leben aus. 

additional texts...

Summary
Der 31jährige Peter Handke, der mit seinen Theaterstücken und den Erzählungen Die Angst des Tormanns beim Elfmeter und Wunschloses Unglück für großes Aufsehen gesorgt hat, veröffentlicht 1973 in der Süddeutschen Zeitung eine "Einladung, Hermann Lenz zu lesen" und empfiehlt die Bücher des fast 30 Jahre älteren Autors überschwenglich zur Lektüre: Er empfinde beim Lesen der Lenzschen Bücher Glück. So unterschiedlich die beiden Schriftsteller in Naturell, Schreibvorstellungen und Selbstverständnis sein mögen, ihr sich daraus entspinnender Briefwechsel offenbart eine unverbrüchliche Verbindung von Schreibtisch zu Schreibtisch. Als Lesende können wir teilhaben am Entstehungsprozeß ihrer Bücher Lenz arbeitet an seinen autobiographischen Eugen-Rapp-Romanen, Handke tritt fast jedes Jahr mit einem neuen Buch hervor und an ihren Lebensumständen, ihrem Alltag. Sie teilen die Schwierigkeiten, die sie mit den "Wirklichkeitsmenschen" haben, und die Liebe zum Gehen im Freien, zu Landschaften, zur Natur. Im Mai 1981 schreibt Handke: "Hier ist ein wunderbarer Tag, und ich saß bis jetzt fast nur draußen und versuchte, sein Berichterstatter zu sein." In Hermann Lenz hat er einen Vertrauten gefunden.Berichterstatter des Tages: ein intensiver, poetischer und 25 Jahre bis zu Hermann Lenz Tod anhaltender Briefwechsel das Dokument einer Freundschaft. In knapp 300 Briefen tauschen die beiden geistesverwandten "Nebendraußensteher " in herzlichem, heiterem Tonfall ihre Beobachtungen zu Schreiben und Leben aus.
Additional Text
"Ein innerlich erwä;rmendes Buch, um es mit Handkes Lobpreis von Lenz' Herbstlicht zu sagen: >Wieder bist Du einzig im Schaffen eines Atems, mit dem man mitatmen kann, von Bildern, die einen nicht beeindrucken, sondern ö;ffnen und eintreten lassen ins Buch als in einen selbst.< So betritt man auch dieses."

Followers

About Me

My photo
seattle, Washington, United States
MICHAEL ROLOFF http://www.facebook.com/mike.roloff1?ref=name exMember Seattle Psychoanalytic Institute and Society this LYNX will LEAP you to all my HANDKE project sites and BLOGS: http://www.roloff.freehosting.net/index.html "MAY THE FOGGY DEW BEDIAMONDIZE YOUR HOOSPRINGS!" {J. Joyce} "Sryde Lyde Myde Vorworde Vorhorde Vorborde" [von Alvensleben] contact via my website http://www.roloff.freehosting.net/index.html
Powered By Blogger